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Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft

Herzlich Willkommen auf den Seiten des Internationalen Arbeitskreises Historische Stadtsprachenforschung!

Herzlich Willkommen auf den Seiten des Internationalen Arbeitskreises Historische Stadtsprachenforschung – Forum für regionale Sprachgeschichte!

Der Internationale Arbeitskreis Historische Stadtsprachenforschung ist ein informeller, offener Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich in empirischer, überlieferungsbezogener Perspektive mit Sprache und Sprachen in historischen städtischen Räumen beschäftigen. Der Gegenstandbereich Stadtsprache geht in diesem Sinne weit über die Kanzleischriftlichkeit historischer Städte hinaus. Hinsichtlich der Materialität, der Textsortenverortung und der Textproduzenten (und natürlich -produzentinnen!) sind alle Formen sprachlich verfasster Überlieferung im Kontext historischer Städte von Interesse. Der weit gespannte Rahmen der Themen umfasst das komplexe Spektrum sprachlicher Äußerungen in Städten des Mittelalters und der (Frühen) Neuzeit in ihren formalen, funktionalen, kommunikativen, soziolinguistischen und pragmatischen Bezügen. Fragen der Textüberlieferung und der historischen Mehrsprachigkeit finden dabei breites Interesse.

Seit seiner inhaltlichen Ausweitung (2025) heißt der Arbeitskreis „Internationaler Arbeitskreis für Stadtsprachenforschung – Forum für regionale Sprachgeschichte“.

Das hier wiedergegebene Positionspapier erläutert die Ausweitung unserer Gegenstände:

 

Internationaler Arbeitskreis Historische Stadtsprachenforschung – Forum für regionale Sprachgeschichte

I. Motivation der Neuausrichtung: Konstanz und Weiterentwicklung des Arbeitskreises
Der Internationale Arbeitskreis Historische Stadtsprachenforschung hat die Sprachgeschichtsforschung seit seiner Gründung in der Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit Themensetzungen und Forschungsarbeiten nachhaltig befördert und geprägt. Wir stehen in dieser
Tradition und entwickeln unsere Themen und Untersuchungsmethoden im Kontext aktueller Forschungsparadigmen mit offenem Blick beständig weiter.
Auf seiner 38. Jahrestagung (Halle, 18.–20. März 2025) hat der Arbeitskreis über den aktuellen Stand der Stadtsprachenforschung diskutiert und für eine Ausweitung und Profilschärfung des Arbeitsgebiets plädiert: Neben Untersuchungen zur Sprachgeschichte der Städte und ihrer
spezifischen Text-Räume soll der Blick zukünftig explizit auf Fragen der regionalen Sprachgeschichte ausgeweitet werden.

Der Arbeitskreis versteht sich dabei nach wie vor als internationales Forum, das Interessierte unterschiedlicher Qualifikationsstufen zusammenführt und in aufgeschlossener und konstruktiver Atmosphäre das fokussierte Nachdenken über sprachhistorische Sachverhalte und ihre methodische Erschließung befördert.

 

II. Inhaltliche Schwerpunkte, Arbeitsweise, Inter- und Transdisziplinarität
a) Historische Städte als Text-Räume
Für die Untersuchung von Texten aus historischen Städten vom Mittelalter bis in die (Frühe) Neuzeit vertritt der Arbeitskreis seit seiner Gründung eine weite Definition von historischer Stadtsprache, die als ein „Ensemble aller zu einer Zeit aktiv verwendeten und miteinander verwandten Varietäten” (Hoffmann / Mattheier 1985: 1838) gesehen wird und „materialorientiert[]” in „lokalen Fallstudien” (Maas / Mattheier 1987: 230) einzeln und kontrastiv untersucht werden kann. Alles, was in einer Stadt zu einer bestimmten historischen Zeit sprachlich präsent war, bildet insofern „den Sprachgebrauch oder besser die Sprachpraxis der Stadt” (Hoffmann/Mattheier 1985: 1838) ab und ist Teil des historischen Text-Raumes der Stadt (Hinkelmanns/Schulz 2019).

Historische Städte sind demnach differenzierte und zu differenzierende sprachliche Handlungs-Räume, deren städtische Akteure aktiv und/oder passiv über unterschiedliche Register, Varietäten und Sprachen (Cherubim 1987; Hünecke/Jakob 2010: 289; 2001: 264; Schulz 2023) verfügen.

b) Regionale Sprachgeschichte
Die historische Sprachwissenschaft beschäftigt sich schon immer auch mit Sprachräumen, u. a. bei der Abgrenzung von großräumigen Sprachlandschaften (nd. – hd.), bei der Erfassung von regionalen Schreibsprachen in historischen Quellen oder in der Sprachkontaktforschung (vgl. zum Historischen Codeswitching Glaser/Prinz/Ptashnyk 2017). Regionale Sprachgeschichte wurde und wird dabei auch mit Blick auf die Sozial- und Kulturgeschichte u. a. mit dem Fokus auf Sprachprestige betrieben – heute Themenfelder insbesondere der Fachdisziplinen Historische Soziolinguistik, Textlinguistik oder Pragmatik (vgl. Habermann 2024, 228). Auch der Frage nach der Genese der heutigen Dialekte und Regionalsprachen wird, vor allem im Rahmen der historischen Dialektologie, weiter nachgegangen (vgl. dazu die Ringvorlesung der GGSG zur Regionalen Sprachgeschichte im Wintersemester 2024/25). Dank mittlerweile zahlreich vorhandener Korpora und den weit fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten zur Bearbeitung großer Datenmengen ist die Erforschung historischer Sprache im Raum leichter möglich. Mithilfe zahlreicher Systeme zur Georeferenzierung von Sprachdaten (REDE-Sprach-GIS, Geoling etc.) lässt sich u. a. Sprachwandel im Raum heute hürdenfreier visualisieren (vgl. hierzu im Vergleich die historischen Sprachatlas-Großprojekte des ASnA (Peters 2017) und HSS (Kleiber/Kunze/Löffler 1979)).

c) Forschungszugriff
Die Arbeitsweise des Arbeitskreises ist im Kern der historischen Sprachwissenschaft verpflichtet. Bei der großen Breite an möglichen Themen zur Stadtsprachgeschichte und zur regionalen Sprachgeschichte liegt der Fokus insbesondere auf historischen Schreibsprachen und
stadtsprachgeschichtlich relevanten Texten, wobei Aspekte wie areale Variation, historische Lautverhältnisse, Schreiber- und Textsortenabhängigkeit, Adressatenbezüge, Konfessionalität, Text(verbreitungs)geschichte, materielle Überlieferungsformen u. v. m. (vgl. Elmentaler/Voeste 2019) eine Rolle spielen können. Darüber hinausgehend besteht Interesse an interdisziplinären Perspektiven
aus allen Gebieten im Kontext der Analyse von Sprach- und Textüberlieferung, also z. B. an historischen, literaturhistorischen, kodikologischen, buchwissenschaftlichen und archivalischen Beiträgen.

 


III. Zielpublikum
Um gezielt eine größere Gruppe von Forscherinnen und Forschern anzusprechen, werden die Forschungsthemen des Internationalen Arbeitskreises Historische Stadtsprachenforschung somit zum einen auf den lokal definierten Gegenstand der Stadt neu ausgerichtet und aktualisiert, indem die historische Stadt als Raum für Text und Sprache(n) verstanden wird. Zum anderen erfolgt im Kontext der neueren sprachhistorischen Forschung eine Öffnung auf die Regionalität von Sprache. Damit erhofft sich der Arbeitskreis vielfältige Impulse und Synergieeffekte, und zwar nicht nur in Hinblick auf die Themenfelder, sondern gerade auch in intragermanistischer und transdisziplinärer Sicht.

 

IV. Zitierte Literatur
Dieter Cherubim, Mehrsprachigkeit in der Stadt der frühen Neuzeit am Beispiel Braunschweigs und Herrmann Botes, in: Hermen Bote, Braunschweiger Autor zwischen Mittelalter und Neuzeit. Hrsg. v. Detlev Schöttker – Werner Wunderlich. Wiesbaden 1987, S. 143-157.

Michael Elmentaler – Anja Voeste (2019), Areale Variation im Deutschen historisch: Mittelalter und Frühe Neuzeit, in: Sprache und Raum. Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Bd. 4: Deutsch (HSK 30.4), hrsg. von Joachim Herrgen – Jürgen Erich Schmidt. Berlin/Boston, S. 61–100.

Elvira Glaser – Michael Prinz – Stefaniya Ptashnyk, Historisches Codeswitching mit Deutsch: Multilinguale Praktiken in der Sprachgeschichte. Berlin/Boston 2021.

Mechthild Habermann, Regionale Sprachgeschichte in soziokultureller Verortung - am Beispiel Nürnbergs, in: Regionale Sprachgeschichte(n), hrsg. von Dagobert Höllein, Günter Koch und Alexander Werth (Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte 15). Berlin/Boston 2024, S. 228–
245.

Walter Hoffmann – Klaus J. Mattheier, Stadt und Sprache in der neueren deutschen Sprachgeschichte: Eine Pilotstudie am Beispiel von Köln, in: Sprachgeschichte. Ein Handbuch 1 (1985), S. 1837-1864.

Rainer Hünecke – Karlheinz Jakob, Die Entfaltung der deutschsprachigen Schriftlichkeit in der Stadt des Spätmittelalters und in der frühen Neuzeit. Ein Projektentwurf, in: Sprache in der Stadt. Akten der 25. Tagung des Internationalen Arbeitskreises Historische Stadtsprachenforschung. Luxemburg, 11.-13. Oktober 2007. Hrsg. v. Claudine Moulin – Fausto Ravida – Nikolaus Ruge. Heidelberg 2010,
S. 282–296.

Peter Hinkelmanns – Matthias Schulz, Stadt als Text-Raum. Ein Korpus für die Untersuchung der Stadtsprachgeschichte Greifswalds, in: Unzeitig, Monika/Magin, Christine/Eisermann, Falk (Hgg.): Schriften und Bilder des Nordens. Niederdeutsche Medienkultur im späten Mittelalter. Stuttgart 2019, S. 165–185 (Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur – Beihefte 28).

Wolfgang Kleiber – Konrad Kunze – Heinrich Löffler (1979), Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas. 2 Bde. Bern 1979.

Utz Maas – Klaus J. Mattheier, Zur Erforschung historischer Stadtsprachen. Allgemeine Überlegungen und Beispiele, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 106 (1987) S. 227–246.

Robert Peters, Atlas spätmittelalterlicher Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete (ASnA). 3 Bde. Berlin / Boston 2017.


Matthias Schulz, Stadtsprachgeschichte und historische Stadtsprachenforschung; in: Muttersprache 133 1–2 (2023) S. 12–31.

(Luise Czajkowski, Simone Schultz-Balluff, Matthias Schulz, Mai 2025)