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    Lehrstuhl für neuere deutsche Literatur- und Ideengeschichte

    DFG-Projekt: Konsument, Konsumentin, Konsumobjekt

    Konsument, Konsumentin, Konsumobjekt: Zur Etablierung neuer Aktanten und ihrer Handlungsfelder in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts

    DFG-Projekt, gefördert 2022–2025

    In diesem Projekt soll eine multiperspektivische Literaturgeschichte der Erfindung und Profilierung des/der Konsument:in und ihrer Handlungsfelder im deutschsprachigen Raum des langen 19. Jahrhunderts entstehen. Beide Teilprojekte setzen bei dem Befund ein, dass in den Wirtschaftstheorien des 19. Jh.s der Prozess der Konsumtion in den Mittelpunkt gestellt wird und die Figuren, die ihn vollziehen, als Aktant:innen eingeführt werden und fragen nach den Wechselverhältnissen zwischen ökonomischer Theorie und Literatur.
     

    Teilprojekte:

    A: Die literarische Erfindung der Konsumentin (Dr. Elisabeth Weiß-Sinn)

    Das Teilprojekt setzt beim Konsumenten als rational actor an, der in der Wirtschaftstheorie von der Historischen Schule bis zur Grenznutzenlehre als eine theoretische Fiktion figuriert und sich zwischen analytischem Konstrukt der Wissenschaft und realem psychischen Motiv des handelnden Menschen bewegt. Es fragt dementsprechend, ob das Modell des homo oeconomicus die femina oeconomica im gleichen Maße zu fassen vermag; sind es doch mit Männlichkeit assoziierte Konstrukte von Autonomie, Individualität und Rationalität, die diesen Entwurf stützen. Nun könnte es sein, dass die weibliche Konsumentin aus grammatischer Großzügigkeit im Begriff des Konsumenten impliziert ist oder dass die Theorie die Frau dezidiert ausschließt. Das vorliegende Projekt stellt die These auf, dass letzteres der Fall ist, da sich der Begriff des homo oeconomicus aus dem englischen Ausdruck economic man, erstmals verwendet durch John Kells Ingram in seinem Werk A History of Political Economy (1888), entwickelt. Im Projekt soll die literarische Etablierung der Konsumentin rekonstruiert werden. 
    Der Zwiespalt zwischen internalisierten Rollenklischees und Aufbruchsphantasien, zwischen Anpassungswunsch und Streben nach Autonomie, führte bei schreibenden Frauen dazu, dass sie sich im höchsten Maße an normative poetische und poetologische Vorgaben des männlich geprägten kulturellen Umfelds hielten, statt ihre dezidiert weibliche Situation zu beleuchten; bei ihren literarischen Figuren führt es häufig zu einem Konsumverhalten, dass diese Spaltung materialisiert.

    B: Der subjektive Wert der Dinge: Konsument und Konsumobjekt in der Literatur des 19. Jahrhunderts (Prof. Dr. Maximilian Bergengruen)

    Das Teilprojekt geht von dem Befund aus, dass die Konsum-Dinge in der Literatur des 19. Jahrhunderts, über die Wirtschaftstheorien hinausgehend (die Konsument und Konsumobjekt vollständig trennen), eine Verbindung zur konsumierenden Figur besitzen; eine Verbindung, die die Differenz zwischen diesen beiden Größen teilweise aufhebt. Der subjektive Wert der käuflichen Dinge, wie sie sich in der Wirtschaftstheorie der Zeit entwickelt, wird also nicht nur ökonomisch, sondern zugleich auch metaphysisch gedacht. Durch diese (Teil-)Identität wird ermöglicht, dass die psychischen Triebkräfte der Figur im Konsumprozess anhand des Konsumgegenstand sichtbar werden.
    Um die genannte verborgene Identität von konsumierender Figur und Konsum-Ding zu rekonstruieren, soll theoretisch nicht bei einem Begriff wie dem Fetisch angesetzt werden, dessen ökonomische Dimension im mittleren und dessen psychologische Dimension im ausgehenden 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Vielmehr ist der Ausgangspunkt bereits in der Verbindung von Dingphilosophie und Ökonomie in der Romantik (stilbildend bei Tieck) zu suchen, der, wie im Projekt gezeigt werden soll, trotz wechselnder ökonomischer Paradigmen bis in die Moderne Bestand hat.