| Das Institut für deutsche Philologie hat einen seiner früheren Lehrstuhlinhaber verloren. Günter Hess ist im vergangenen Dezember im Alter von 83 Jahren in Berg am Starnberger See verstorben. Er hatte den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte II (heute Literatur- und Ideengeschichte) von 1983 bis 2000 inne. Hess vertrat das Fach buchstäblich in seiner ganzen Breite – von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Seit seiner Münchner Dissertation (betreut von Hugo Kuhn und Walter Müller-Seidel) über die deutsch-lateinische Narrenzunft des 16. Jahrhunderts von 1970 profilierte er sich als einer der in Deutschland führenden Humanismus- und Renaissanceforscher. Studien und Editionen zu Jacob Balde, Jacob Bidermann u. a. machten ihn im Fach international bekannt. Sie sind in dem prächtigen Band „Der Tod des Seneca“ von 2009 versammelt. Die Aufsätze zeigen die interdisziplinäre Ausrichtung von Hess‘ Arbeiten: komparatistische Philologie, Kunstgeschichte und Kulturgeschichte werden darin feinsinnig und sprachlich elegant verbunden. Der Aufmerksamkeit für das Zusammenwirken von Text und Bild gilt dabei die Forschung von Günter Hess an immer neuen Beispielen der neulateinischen und deutschen Literatur. Ein weiterer monumentaler Sammelband, 2011 erschienen, greift weit ins 18. und vor allem 19. Jahrhundert aus: „Panorama und Denkmal. Studien zum Bildgedächtnis des 19. Jahrhunderts“ heißt er. Er zeigt die enge Verbindung von philologischer Textwissenschaft und kulturgeschichtlichen Forschungen im Werk von Hess. Studien zur Walhalla finden sich darin, ebenso wie mediengeschichtliche zur Mode der Panoramen oder zum Festzugs- und Denkmalkult, aber auch solche zu Gottfried Kellers poetischer Malerei, zu Stielers Münchner Goethe-Porträt wie zu Petrarca im 19. Jahrhundert, zu Wilhelm Busch und zu Büchmanns „Citatenschatz“. |  |
| Die „Werkstattgespräche“ mit Autorinnen und Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur sind fester Bestandteil von Lehre und Forschung an unserem Institut. Sie wurden von Günter Hess 1985 ins Leben gerufen und bis zu seiner Pensionierung 2000 regelmäßig betreut. Hess hatte den Ruf eines exzellenten Gastgebers – freundlich, kundig und beharrlich fragend, mit offenem Ohr auch fürs Unerhörte. Schriftsteller aus Ost- und Westdeutschland gaben sich bei ihm vor und nach der Wende die Ehre: Sarah, Kirsch etwa, Günter de Bruyn, Ulrich Plenzdorf und Horst Bienek, Walter Kempowski, Robert Gernhardt, um nur einige zu nennen. Die damals noch in der UB stattfindende Lesungen waren meist überfüllt: 1987/88 kamen zu Martin Walser oder Ulrich Plenzdorf über 700 Besucher. Die Veranstaltungen waren Stadtgespräch und wurden zu jener Zeit auch noch in der Presse wahrgenommen. Reiner Kunze schrieb einmal: „Nach Würzburg komme ich gerne“. |
Peter Rühmkorf notiert in sein Tagebuch:
„Ob Forschung, Lehre, Lyrik, Jazz,
ob Theorie und Praxis,
ich seh da gar nichts Trennendes,
wir alle weben, Günter Hess,
an einer Geistgalaxis!“
Helmut Pfotenhauer, für das Institut für deutsche Philologie