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    Germanistik

    Deutschunterricht: Die Zukunft des Erinnerns sichern

    01.04.2026

    Holocaust und Nationalsozialismus muss neu und anders vermittelt werden

    Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Nationalsozialismus muss auch für den Deutschunterricht aktualisiert werden: Zum einen erreichen offizielle Erinnerungsinszenierungen eine nachwachsende Generation kaum mehr und zum anderen muss der Erinnerungsbegriff selbst reformuliert werden. Erinnerungsfähiges Wissen kann nicht (mehr) vorausgesetzt, sondern muss erst hergestellt und aufbereitet werden.

    Es geht also um die Zukunft des Erinnerns. Hierzu bietet der aktuell erschienene Band „Praktiken der Erinnerung. Holocaust und Nationalsozialismus im Deutschunterricht der Zukunft“ Orientierungshilfe. Der Band ist das Ergebnis einer Kooperation der Universitäten Greifwald (Prof. Dr. Anette Sosna), der LMU München (Prof. Dr. Anja Ballis) und der JMU Würzburg (Prof. Dr. Dieter Wrobel); alle drei haben Lehrstühle für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur inne.

    Der Band widmet sich der Frage, wie die Auseinandersetzung mit Holocaust und Nationalsozialismus im Deutschunterricht vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Erinnerungskultur und einer neuen Generation von Lernenden didaktisch neu gedacht und aktualisiert werden kann.

    Gerade der Deutschunterricht muss reagieren: Eine Möglichkeit liegt darin, die Textgrundlagen zu erweitern, den Anforderungen anzupassen sowie mit Praktiken zu verbinden. Da immer weniger auf unmittelbare Erfahrungen an die Zeit von Holocaust und NS-Verbrechen zurückgegriffen werden kann, ist die Weitergabe von Erinnerung zunehmend auf Trägermedien und ihre Erschließung angewiesen. Die Verantwortlichkeit des Deutschunterrichts betrifft auch den Wandel medialer und ästhetischer Verfasstheit der „Erinnerungstexte“: Es geht um das Stiften und Begleiten von Erfahrungen mit ihren formal-ästhetischen Besonderheiten und mithin um Erschließungskompetenzen. Hierzu können für den Literaturunterricht neben (digital gespeicherten) Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vor allem innovative und multimodale Textformate (bspw. Filme, Graphic Novels, multimediale Lernumgebungen etc.) genutzt werden. Die Beiträge beleuchten Aspekte dieses Wandels und daraus resultierende Herausforderungen aus fachdidaktischen, aber auch inter- und transdisziplinären Perspektiven. Neben didaktisch orientierten Textkommentaren wird die Perspektive der Lehrkräfte eingeholt, denn auch hier hat eine nachwachsende Generation veränderte Überzeugungen und Orientierungen.

    Die Kooperation der beteiligten Lehrstühle schließt an die „Paderborner Erklärung“ an, die der Fachverband Deutsch des Deutschen Germanistenverbands im Anschluss an den Germanistentag 2022 veröffentlicht hat. In dieser wird eindringlich darauf hingewiesen, dass eine Beschäftigung mit Holocaustliteratur in den Kerncurricula und Lehrplänen für das Fach Deutsch in allen Schulformen verbindlich Berücksichtigung finden muss, auch angesichts des bevorstehenden Endes der Zeitzeugenschaft und zunehmend komplexeren medialen Formen des Erinnerns.

    Unterrichtliche Begegnungen mit Bild-Text-Verbünden erfüllen einen Anspruch der „Paderborner Erklärung“ und verdeutlichen Mehrwerte gerade für Lernende, deren Familienbiografien von Nationalsozialismus und Holocaust aus unterschiedlichen Gründen entfernt sind. Im Beitrag von Dieter Wrobel und Michael Veeh (LMU) wird exemplarisch gezeigt, dass und wie in verschiedenen Bild-Text-Verbünden die Vermittlung von Geschichte in die Gegenwart hinein möglich ist und gelingen kann. Die didaktisch angelegten Kommentierungen zu vier Beispieltexten, die Bild und Text auf unterschiedliche Weisen fügen, lassen deutlich werden, dass hybride Textformate wie Comics und Graphic Novels ertragreiche Beiträge zum historischen wie zum literarischen bzw. medialem Lernen leisten können. Die Sichtungen zeigen zudem, dass aktuelle Textformaten und ästhetische Programme eine angereicherte Begegnung mit Geschichte und ihren Auswirkungen ermöglichen.

    Praktiken der Erinnerung. Holocaust und Nationalsozialismus im Deutschunterricht der Zukunft.
    Hrsg. von Anja Ballis, Anette Sosna und Dieter Wrobel.
    WVT: Trier, 2026.
    DDG – Beiträge zur Didaktik der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Bd. 15.
    274 Seiten. Print 37,50 Euro.
    ISBN 978-3-98940-109-9
     

    Die Paderborner Erklärung im Wortlaut:
    https://fachverband-deutsch.de/wp-content/uploads/2022/12/FV-Bundesvorstand_Paderborner-Erklaerung-2022.pdf

    Cover zum Buch:
    https://www.wvttrier.de/p/praktiken-der-erinnerung-holocaust-und-nationalsozialismus-im-deutschunterricht-der-zukunft