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Intern
    Lehrstuhl für deutsche Philologie, Ältere Abteilung

    SPP 2130 Workshop 2022

     

    Interdisziplinärer Workshop des DFG-Projekts ‚Translationsanthropologie‘
    des SPP 2130 ‚Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit‘
    Würzburg, 21.-23. Februar 2022

    Übersetzung und Marginalisierung
    Frühneuzeitliche Literatur aus intersektionaler Perspektive

    Organisation: Jennifer Hagedorn und Regina Toepfer

    Nausicaa begegnet Odysseus. Holzschnitt aus: Simon Schaidenreisser (Übers.): Odyssea. Augsburg: Alexander Weißenhorn 1537, XXIIIr.

    Übersetzungen sind ein omnipräsenter, aber oft unsichtbarer Teil des Alltags. Sie bereiten Informationen nicht nur sprachlich auf, sondern passen das zu Übersetzende an soziale Bedürfnisse und gesellschaftliche Gewohnheiten der Zielkultur an. Eine Translation ist „immer auch ein transkultureller Transfer, die möglichste Lösung eines Phänomens aus seinen alten kulturellen Verknüpfungen und seine Einpflanzung in zielkulturelle Verknüpfungen“ (Vermeer 1986, S. 34). Gleichzeitig vertrauen Rezipient:innen jedoch darauf, dass Übersetzungen ihren Ausgangstext möglichst unverfälscht wiedergeben. In der Regel werden übersetzte Texte daher so aufgenommen, als ob es sich um originale Aussagen eines Autors oder einer Autorin handelte und es keine vermittelnde Zwischeninstanz zwischen Schreibenden und Lesenden gäbe, über deren spezifische Interpretation diskutiert werden müsste. Die daraus resultierenden, weitreichenden kulturellen Konsequenzen hat der amerikanische Translationswissenschaftler Lawrence Venuti (32018) in seiner einschlägigen Studie ‚The Translator’s Invisibility‘ herausgestellt und wiederholt betont, dass der Gehalt eines Textes beim Übersetzen nie invariant bleiben kann (zuletzt: Venuti 2019). Solche Veränderungen auf der sprachlichen Mikroebene zu untersuchen und daraus auf anthropologische Konzepte, ethische oder politische Prinzipien und historische Kontexte zu schließen, ist eine Chance und Herausforderung für Philologien, Translations- und Kulturwissenschaften.

    Die Translation Studies widmen sich seit Längerem verstärkt kulturellen Fragestellungen und, befördert durch den Einfluss der Postcolonial Studies, der Frage nach expliziten wie impliziten Machtstrukturen (Bachmann-Medick ²2007). Neben diesem cultural turn der Übersetzungsforschung nehmen auch die Kulturwissenschaften im Zuge eines translational turn zunehmend Übersetzungsfragen in den Blick, sodass Kultur als hybrides, grenzüberschreitendes Konstrukt gesehen wird, das sich durch interkulturelle Austauschverfahren konstituiert (Bhabha ²2011). Immer wieder virulent wird dabei die Frage nach den Machtkonstellationen, die solche Aushandlungsprozesse bestimmen. Gerade in Bezug auf die Kolonialisierungspraktiken, die in Phasen der Globalisierung ausgebildet werden, ist eine solchermaßen für Machtstrukturen sensible und eurozentristische Deutungsmuster problematisierende Übersetzungsreflexion relevant.

    Eine geeignete Methodik, um verdeckte Machtverhältnisse zu analysieren, liefert auch die sozialwissenschaftliche Intersektionalitätstheorie. Basierend auf den Beobachtungen von Kimberlé Crenshaw (1991) zur strukturellen Benachteiligung von schwarzen Frauen beschäftigt sich die Intersektionalitätsforschung grundlegend damit, wie verschiedene Macht- und Ungleichheitskategorien einander beeinflussen, verstärken und miteinander interferieren. Werden einzelne Identitätskategorien, insbesondere ‚gender‘, ‚race‘ und ‚class‘, isoliert voneinander betrachtet oder einfach addiert, wird ihr komplexes Wechselverhältnis vernachlässigt, so dass sich die soziale Diskriminierung auf diskursiver wie auf wissenschaftsanalytischer Ebene wiederholt. Mehrfachdiskriminierte bleiben ‚intersektionell unsichtbar‘ (Knapp 2010, S. 224), weil sie sich in einem Dilemma einer gleichzeitigen Über- und Unter-Inklusion befinden. Dass die Kategorie ‚gender‘ nicht separat betrachtet werden darf, sondern die Handlungsfähigkeit von vielen weiteren Faktoren abhängig ist (Walgenbach 22012), wird in der feministischen Forschung seit langem betont.

    Mittlerweile ist die Intersektionalitätstheorie auch in den Textwissenschaften, insbesondere den historischen angekommen. Literatur- und Geschichtswissenschaftler:innen fragen danach, wie sich Intersektionalität historisieren und für die Analyse vormoderner Phänomene, Prozesse, symbolischer Repräsentationen und narrativer Welten fruchtbar machen lässt (z.B. Kraß u.a. 2014, Schul 2014, Klein/Schnicke 2014, Schul u.a. 2017, Bähr/Kühnel 2018, Bennewitz u.a. 2019). Eine Verbindung mit den Translation Studies steht jedoch noch weitgehend aus, obwohl sich durch vergleichende Übersetzungsanalysen besonders gut herausarbeiten ließe, wie „Achsen der Differenz“ (Winker/Degele 2009, S. 15f.) auf sprachlicher, epistemischer und gesellschaftlicher Ebene zwischen Ausgangs- und Zielkultur verschoben werden. Wenn jede Übersetzung per definitionem eine Vereinnahmung des Ausgangstextes mit sich bringt, dann ist zu vermuten, dass jene Vorstellungen und Personen stets marginalisiert werden, die den Idealen der Übersetzenden und ihres Zielpublikums nicht entsprechen. Übersetzungen spiegeln und bestätigen die Normen der zielkulturellen Mehrheitsgesellschaft und ihrer machthabenden Instanzen, wohingegen Anliegen von Minderheiten unberücksichtigt bleiben und unkonventionelle, provozierende und konträre Positionen der Ausgangskultur ausgeblendet oder umgeschrieben werden. Diesen Zusammenhang zwischen Übersetzung und Marginalisierung will der geplante Workshop ausleuchten, indem er Menschen, Figuren und Gruppen in den Mittelpunkt rückt, die in doppelter oder mehrfacher Weise minderprivilegiert sind. Daher geht es weniger um die Unsichtbarkeit der Übersetzer als um die Voraussetzungen, Kriterien, Praktiken und Mechanismen, mit denen Minderheiten, Benachteiligte und Unterlegene beim Übersetzen unsichtbar gemacht bzw. die Positionen von Privilegierten durch ihre hervorgehobene und standardsetzende Sichtbarkeit gestärkt werden.

    Der historische Fokus des Workshops liegt auf den Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit, deren Erforschung sich das DFG-Schwerpunktprogramm 2130 widmet. Diese Epoche bietet sich aufgrund der florierenden Übersetzungspraxis und intensiver Übersetzungsdiskurse (Toepfer et al. 2017) als Untersuchungszeitraum für innovative translationswissenschaftliche Fragestellungen besonders an. Die Frühe Neuzeit stellt nicht nur den Ausgangspunkt des modernen Übersetzungsbegriffs dar, sondern reflektiert diesen Ursprung gleichzeitig in ambivalenten humanistischen Diskursen, von denen Brunis ‚De interpretatione recta‘ und Luthers ‚Sendbrief vom Dolmetschen‘ wohl die bekanntesten Beispiele sind. Zahllose bedeutsame religiöse und profane Texte, allen voran die Autoren des klassischen Altertums und der christlichen Spätantike, werden in dieser Zeit – teils über Intermediärübersetzungen – erstmals in die Volkssprache übertragen und für neue Adressat:innen erschlossen.

    Ebenso werden Werke aus anderen Volkssprachen oder älteren Epochen der eigenen Sprachgeschichte ins Frühneuhochdeutsche überführt, seien es Romane, Reiseberichte, Dramen oder pragmatische Literatur; dieselben Entwicklungen lassen sich im frühneuzeitlichen Europa in vielen Ländern beobachten. Doch eignet sich die intersektionale Analysemethode auch, um globale Translationsverfahren zu untersuchen und die im Kontext von Kolonialisierung und Mission angefertigten Übersetzungen normativitätskritisch zu analysieren oder autochthone außereuropäische Translate vergleichend heranzuziehen. Zudem sind die mediengeschichtlichen Auswirkungen des Buchdrucks zu berücksichtigen, der eine massenhafte Vervielfältigung und Verbreitung von Übersetzungen ermöglicht und mit Holzschneidern, Korrektoren, Druckern und Verlegern weitere textvermittelnde Zwischeninstanzen auftreten lässt, die ihrerseits Einfluss auf die zielkulturelle Verortung von Übersetzungen nehmen. Auch über das geschriebene bzw. gedruckte Wort hinaus besitzt der Übersetzungsbegriff hohe Relevanz für die Epoche, etwa in Kunst und Architektur, an deren übersetzten Produkten sich ebenfalls vielfältige Machtverschiebungen zwischen Ausgangs- und Zielkultur beobachten lassen.

    Detailstudien zu den Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit aus intersektionaler Perspektive sind bei den geplanten Workshop ebenso erwünscht wie methodisch-konzeptionelle Überlegungen zur Anwendbarkeit der Intersektionalitätstheorie für die historische Übersetzungsforschung. Zur Themenfindung anregen können beispielsweise folgende Fragen:

    • Wie werden in frühneuzeitlichen Übersetzungen Machtverhältnisse dargestellt und diskutiert? Mit welchen Mechanismen akkulturieren oder verfremden Übersetzende die in den Ausgangstexten vorherrschenden Hierarchien, Menschenbilder, Gesellschafts-, Wissens- und Glaubensformen?
    • Welche Rückschlüsse lassen sich aus den Akzentverschiebungen zwischen Ausgangs- und Zieltexten auf implizite und explizite Ideale von Geschlecht, Herkunft, Stand, Religion, Konfession und Körper ziehen? Wie wirkt sich die Verwobenheit verschiedener Ungleichheitskategorien auf textuelle, mediale und symbolische Repräsentationen und auf die Sichtbarkeit von literarischen Figuren wie historischen Akteurinnen und Akteuren aus?
    • In welcher Weise sind Übersetzungen der frühen Neuzeit durch biographische Ungleichheitserfahrungen, soziale Rollenzuschreibungen, konkurrierende Gruppenzugehörigkeiten und kulturelle Privilegierungsprozesse geprägt? Wie bewerten Übersetzende in Paratexten das Verhältnis von Ausgangs- und Zielkultur? Welche Meinungen und Standpunkte werden in Bezug auf akkulturierendes Übersetzen vertreten? Gibt es ein historisches Bewusstsein für die Macht verhandelnde und etablierende Funktion von Übersetzungen?

    Wir freuen uns auf Themenvorschläge mit einem kurzen Abstract, die bis zum 15. Juli 2021 bitte an folgende Adresse geschickt werden sollen: Jennifer Hagedorn (jennifer.hagedorn@uni-wuerzburg.de).

    PDF des CfP zum Workshop ‚Übersetzung und Marginalisierung‘

     

    Literatur

    Bachmann-Medick, Doris (²2007): Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

    Bähr, Matthias und Florian Kühnel (Hg.) (2018): Verschränkte Ungleichheit: Praktiken der Intersektionalität in der Frühen Neuzeit. Berlin: Duncker & Humblot.

    Bennewitz, Ingrid, Jutta Eming und Johannes Traulsen (Hg.) (2019): Gender Studies – Queer Studies – Intersektionalität. Eine Zwischenbilanz aus mediävistischer Perspektive. Göttingen: V&R.

    Bhabha, Homi K. (²2011): Die Verortung der Kultur. Deutsche Übersetzung von Michael Schiffmann und Jürgen Freudl. Tübingen: Stauffenburg.

    Crenshaw, Kimberlé (1991): Mapping the Margins. Intersectionality, Identity Politics, and Violence Against Women of Color. In: Stanford Law Review 43:6, S. 1241-1299.

    Klein, Christian und Falko Schnicke (Hg.) (2014): Intersektionalität und Narratologie. Methoden – Konzepte – Analysen. Trier: WVT.

    Knapp, Gudrun-Axeli (2010): “Intersectional Invisibility“. Anknüpfungen und Rückfragen an ein Konzept der Intersektionalitätsforschung. In: Helma Lutz, Maria Teresa Herrera Vivar und Linda Supik (Hg.): Fokus Intersektionalität. Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes. Wiesbaden: VS, S. 223-243.

    Kraß, Andreas, Nataša Bedeković und Astrid Lembke (Hg.) (2014): Durchkreuzte Helden. Das „Nibelungenlied“ und Fritz Langs Film „Die Nibelungen“ im Licht der Intersektionalitätsforschung. Bielefeld: transcript.

    Schul, Susanne (2014): HeldenGeschlechtNarrationen. Gender, Intersektionalität und Transformation im Nibelungenlied und in Nibelungen-Adaptionen. Frankfurt a. M. [u.a.]: Lang.

    Schul, Susanne, Mareike Böth und Michael Mecklenburg (Hg.) (2017): Abenteuerliche ‚Überkreuzungen‘: Vormoderne intersektional. Göttingen: V&R.

    Toepfer, Regina, Johannes Klaus Kipf und Jörg Robert (Hg.) (2017): Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450-1620). Berlin: De Gruyter.

    Venuti, Lawrence (2019): Contra Instrumentalism. A Translation Polemic. Lincoln: University of Nebraska Press.

    Venuti, Lawrence (³2018): The Translator’s Invisibility. A History of Translation. New York: Routledge.

    Vermeer, Hans J. (1986): Übersetzen als kultureller Transfer. In: Mary Snell-Hornby (Hg.): Übersetzungswissenschaft – eine Neuorientierung. Zur Integrierung von Theorie und Praxis. Tübingen: Francke, S. 30-53.

    Walgenbach, Katharina (²2012): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen [u.a.]: Budrich.

    Winker, Gabriele und Nina Degele (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript.