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    Lehrstuhl für Computerphilologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte

    Habilitationsprojekt

    Ästhetische und soziale Funktionen der Erzählungen und Novellen im 19. Jahrhundert. Literaturgeschichte als Mixed Methods Forschung.

    Zur Novelle, die als Leitgattung der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt, gibt es zwei widersprüchliche Auffassungen. Eine Seite der Forschung hält sie für eine geschlossene und strenge Form, die von einem unspezifischen Begriff der Erzählung abzugrenzen sei. Die andere Seite ist davon überzeugt, dass Novellen und Erzählungen überhaupt keine unterscheidbaren Gattungen bilden, sondern eine große unstrukturierte Masse. Ziel des Projekts ist es, diesen Widerspruch aufzuklären und zu verstehen. Entgangen ist beiden Seiten der Forschung eine dialektische Struktur des Novellenbegriffs, die darin besteht, dass Novellen in der Textproduktion keine eindeutige Textsorte bilden, während die Poetiken versucht haben, die Gattung zu regulieren und in eine ›strenge Form‹ zu bringen. Der Begriff der Erzählung war derartigen Normierungsversuchen hingegen nie unterworfen. Zu rekonstruieren, wie diese dialektische Struktur im Detail ausgestaltet war und wie sie sich verändert hat, ist die zentrale und allgemeine Aufgabe des Projekts. Diese Aufgabe wird in Form einer funktionsgeschichtlichen Rekonstruktion gelöst, die mit einem eigens entwickelten Mixed Methods Programm aus historisch-hermeneutischen und quantitativen Untersuchungsmethoden Erkenntnisse für einen sehr großen Umfang von bislang unbekannten Journalprosatexten verspricht. Das Projekt besteht aus 3 wesentlichen Bausteinen: der Digitalisierung bislang ungesichteter Textbestände, einer neu zu leistenden gattungstheoretischen, funktionsgeschichtlichen und hinsichtlich des Mixed Methods Designs innovativen methodologischen Grundlegung sowie den eigentlichen literaturgeschichtlichen Analysen zum Wandel der ästhetischen und sozialen Funktionen der Gattungsbegriffe. Der funktionsgeschichtliche Ansatz wird es ermöglichen, Ästhetik- mit Sozial- und Mediengeschichte zu verbinden und so ein umfassendes Bild der historischen Prozesse mit deutlich höherer Erklärungskraft zu zeichnen. Indem das Projekt Genreerwartungen für jeweils kurze Zeiträume rekonstruiert, stellt es sich konsequenter in den Dienst einer historischen Hermeneutik als die bestehenden Novellengeschichten, die immer nach dem alles verbindenden Idealtyp der Gattung gesucht und dabei aus dem Blick verloren haben, was die jeweils zeitgenössischen Leserinnen und Leser von ›Novellen‹ und ›Erzählungen‹ eigentlich erwarten konnten.

    Die Digitalisierungsarbeiten im Rahmen des Projekts wurden aus Mitteln des Forschungsfonds der Philosophischen Fakultät Würzburg gefürdert. Die Entwicklung des Mixed Methods Programms wird durch ein Walter-Benjamin Fellowship der DFG an den Universitäten Antwerpen (Belgien), der McGill University in Montréal (Kanada) und der University of Illinois Urbana-Champaign (USA) unterstützt.