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    Lehrstuhl für Computerphilologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte

    Literarische Reisen durch Raum und Zeit: Geografische Informationssysteme (GIS) in der Literaturwissenschaft

    Armin Volkmann


     

    Reiseberichte des. 19.–20. Jhs. sind nicht nur narrativ beschreibende Literatur, die die Gedankenwelt des Verfassers in seinem Zeitkontext in einer ihm (meist) fremden Umgebung erschließt. Reiseberichte geben darüber hinaus auch sehr spannende Informationen über die wahrgenommene Landschaft und die Art der Reiseform wieder. Diese Erfahrung des Raums ist der zentrale Untersuchungsgegenstand des Projektes. Hierbei werden die Wahrnehmungsformen des Raumes in einem Geografischen Informationssystem (GIS) analysiert und im Kontext der Erzählweise hinterfragt:

     

     Wie beeinflusst der geografische Raum das literarische Werk?

     Was ist Raum, bzw. landschaftstypisch in der Literatur?

     Wie hat die Reiseform die Literatur beeinflusst?

     Wie lange hielt sich der Verfasser/ die Verfasserin an einem beschriebenen Ort auf?

     Was sagt dies über die Qualität und den Inhalt des literarischen Werkes aus?

     Warum sind Geografische Informationssysteme (GIS) auch für Literaturwissenschaftler besonders gut einsetzbar?

     Welche Innovationspotentiale stecken noch weitgehend unentdeckt in solchen Forschungsansätzen?

     

    Als Fallbeispiel dient hier die Kartierung einer Reise östlich und westlich der mittleren Oder von Theodor Fontane im Jahr 1862, nach den Angaben des Bands 2 der „Wanderungen durch die Mark Bandenburg“. Fontane ist einer der wichtigsten Vertreter des poetischen Realismus im deutschen Sprachraum in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. Diese politisch spannende Zeit, zur Entstehung des Deutschen Reichs im Jahr 1871, ging einher mit umwälzenden Prozessen der Gesellschaftsveränderung und bürgerlich liberal-demokratischen Bestrebungen, die besonders Fontane in seiner Schreibweise deutlich beeinflussten. Wurde Fontane auch vom geografischen Raum beeinflusst? Dabei wird in einer Arbeitsthese der möglichen Interaktion von literarischem „Freigeist“ und geografischem „Freiraum“ nachgegangen. Methoden der quantitativen Textanalyse beleuchten dabei die Formen und die Ausprägung der Inspiration, die im Entstehungsraum, in der ländlichen Peripherie oder in den urbanen Zentren, unterschiedlich ausgeprägt zu sein scheinen. Des Weiteren können im GIS die Unterschiede zwischen dem fiktionalisierten und realen Raum anschaulich herausgestellt werden.

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    Übersicht einer Wanderungsroute Fontanes vom 23. bis 29. Juni 1862 entlang der Oder und Warthe im GIS mit den einzelnen Raststationen. Hierbei ist auch eine exakte Analyse der zurückgelegten Kilometer, der Höhenunterschiede und der Transportmittel in den einzelnen Aktionskreisen der Stationen oder nach „Kontaktsphären“ möglich.

     

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    Detailansicht einer Wanderungsroute Fontanes am 24. Juni 1862 im GIS auf der Schmettau‘schen Karte.

     

     

    Die Wanderungen Theodor Fontanes können auf Historischen Kartenwerken sehr schon visualisiert werden (hier die Schmettau‘sche Karte von 1767 bis 1787 aus dem Bestand der Kartenabteilung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin). Die einzelnen Papier-Kartenblätter müssen jedoch zuvor recht aufwändig gescannt bzw. digital fotografiert werden. Diese digitalen Kartenbilder werden dann in einem zweiten Arbeitsschritt im Geografischen Informationssystem (GIS) georeferenziert, d.h. in das verwendete Koordinatensystem eingepasst. Dadurch werden sie koordinatengetreu dargestellt und sind dadurch mit anderen Kartensätzen vergleichbar.

    Dargestellt ist unten die Wanderung entlang des südlichen Warthebuches zum Kleinstädtchen Sonnenburg (pol. Słońsk) und weiter durch das Dorf Scherne (pol.  Czarnów). Die Detailfülle der Schmettau‘sche Karten zeigt die Umgebung der Wanderroute vor den tief eingreifenden Landschaftsveränderungen des 19. Jhs. wie sie von Fontane erfahren wurde. Der Kartenausschnitt unten entspricht in der oberen Übersichtskarte (mit der Gesamtroute der Wanderungen) deren östlichen Bereich mit dem Stationspunkt-2 des 24. Juni 1862. Der markante „Nordknick“ des Wanderungsabschnittes entlang der Niederung nach Sonnenburg in der Detailkarte ist auch in der Übersichtskarte gut zu erkennen.

     

    Literatur:

    Th. Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Band 2, Das Oderland (von 5 Bänden) (München 1971).

    Lancaster University, Mapping the Lakes: A Literary GIS. http://www.lancs.ac.uk/mappingthelakes/

    B. Piatti, Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien. Ideen zu einer Geographie der Literatur (Göttingen/Wallstein 2009).

    B. Piatti/L. Hurni, Towards a European Atlas of Literature: Developing theories, methods, and tools in the field of „Literary Geography“ (Moscow 2007).

    http://www.literaturatlas.eu/files/2012/01/KN2008.pdf

     

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